Den Zugang zu qualifizierten Tätigkeiten mussten sich Frauen, ebenso wie den Zugang zur Hochschulbildung, erst erkämpfen. Heute ist die berufliche Gleichstellung der Frau zwar ein viel diskutiertes Thema und es hat sich vieles zum positiven verändert. Dennoch sind Frauen im Beruf und bei der Jobsuche nach wie vor Benachteiligungen ausgesetzt. Laut eines Berichts des Weltwirtschaftsforums aus dem Jahr 2020 hat sich die Situation hierzulande insgesamt verbessert. Trotzdem verdienen Frauen immer noch weniger als Männer und sind oftmals unter ihrem Qualifikationsniveau beschäftigt. Wir zeigen die Nachteile auf, mit denen Frauen in der Arbeitswelt und bei der Jobsuche immer noch zu kämpfen haben. Zudem, beschäftigen wir uns mit Potenzialen und Chancen, die für Frauen aus der ungleichen Situation entstehen.
Der Status Quo
Sowohl in Hinblick auf die Erwerbsquote und die Lohngleichheit und was das Einkommen betrifft, sind Frauen in der Schweiz noch immer benachteiligt. Zudem besetzen sie deutlich seltener Führungspositionen und politische Ämter als Männer.
Frauen arbeiten häufiger in Teilzeit und dafür seltener in höheren Managementpositionen. Sie verdienen weniger und sind deshalb im Alter schlechter abgesichert. Die aktuellen Zahlen des Bundesamts für Statistik zeigen, dass die Entwicklung der Gleichstellung von Mann und Frau sowohl bei der Lohngleichheit als auch bei der Belegung politischer Ämter stagniert und teilweise sogar zurückgeht.
Während die meisten Debatten um das Thema Gleichberechtigung vor allem die Nachteile thematisieren, mit denen Frauen umgehen müssen, haben wir uns Folgendes gefragt: Gibt es vielleicht auch Vorteile, die Frauen in der derzeitigen Situation für sich nutzen können? Ohne die zahlreichen Probleme unter den Tisch zu kehren, wollen wir der Frage auf den Grund gehen.
Topsharing als Chance bei der Jobsuche
Forderungen danach, dass Frauen vermehrt Vollzeit arbeiten müssten, um finanzielle Nachteile auszugleichen, sind zwar gut gemeint, führen aber leider nicht zum Ziel. Die Zahl der Teilzeitarbeitenden hat insgesamt zugenommen und zeigt, dass die Teilzeitarbeit immer beliebter wird. So sind von den erwerbstätigen Frauen 59 Prozent in Teilzeit beschäftigt, bei den erwerbstätigen Männern sind es 17,6 Prozent. Die Studie der ZHAW, fand heraus, dass die zusätzliche Nachfrage nach Teilzeitstellen heutzutage verstärkt von Männern kommt. Frauen bekleiden demnach weitaus mehr als die Hälfte der immer beliebter werdenden Teilzeitstellen.
Von dieser Entwicklung können Frauen zum Beispiel im Rahmen des Topsharings profitieren. Dabei handelt es sich um eine Art des Jobsharings, bezogen auf Führungspositionen. Chefinnen, die sich die Führungsposition teilen, zum Beispiel die Co-Chefärztinnen der Frauenklinik des Züricher Stadtspitals Triemli und die Leiterinnen des Bereiches Unternehmenskommunikation bei der Swisscom.
Co-Führungen beziehungsweise sogenannte Job-Tandems sind bei Stellen in der Schweiz immer noch selten. Sie gelten allerdings aber als besonders modern und effektiv, denn sie bringen gerade in unsicheren Zeiten einige Vorteile. Die Co-Führung sorgt beispielsweise für ein verbessertes Chancen- und Risikomanagement. Frauen können hier die Möglichkeit nutzen, interessante Jobs zu finden, die ihnen noch Zeit für andere Dinge lassen. So können Unternehmen das Konzept nutzen, um sich im «War for Talents» als attraktiven Arbeitgeber zu positionieren.
Diversity-Trend sorgt für bessere Jobchancen
Die Zahlen des Bundesamts für Statistik zeigen, dass sich die geschlechtsspezifische Studien- und Berufswahl gewandelt hat und immer noch wandelt. Bei der Jobsuche wählen Frauen heute vermehrt Fachrichtungen, die vor wenigen Jahren ausschliesslich von Männern geprägt waren. Insbesondere in der IT-Branche haben Frauen wie auch Männer Chancen, einen gut bezahlten, herausfordernde Arbeitsplatz zu finden. Weitere Fachrichtungen sind die Naturwissenschaften, Mathematik und Statistik sowie das Ingenieur- und Bauwesen. Zwar sind auch hier die Männer nach wie vor zahlenmässig überlegen. Inzwischen gibt es aber auch zahlreiche Initiative und MINT-Förderprogramme, die darauf abzielen, das Image der technischen Berufe bei jungen Frauen zu verbessern. Darüber hinaus gibt es an vielen Unis und Hochschulen inzwischen Angebote für Berufseinsteigerinnen, die ihnen helfen sollen, berufliches Selbstbewusstsein aufzubauen.
Motivation ist wichtig, denn in manchen Branchen und Positionen sind Bewerbungen von Frauen besonders gern gesehen und führen häufiger zum Erfolg als Bewerbungen von Männern. «Diversity» ist ein Trend, der auch vor der Arbeitswelt nicht halt macht und viele Unternehmen dazu gebracht hat, sich mit den Vorteilen gemischter Teams zu beschäftigen. So achten viele Arbeitgeber inzwischen auf eine möglichst diverse Zusammensetzung ihrer Teams, was Alter, Geschlecht, formale Bildung und kulturelle Herkunft betrifft. Studien zeigen, dass solche Teams häufig kreativer sind und innovativere Lösungsansätze finden. Einige Arbeitgeber stellen aus diesem Grund bevorzugt Frauen ein. Zum Teil investieren sie sogar in die Vermittlung weiblicher Talente durch die Beauftragung von Headhuntern.
Digitalisierung dient als Türöffner
Auch was die Themen Digitalisierung und berufliche Gleichstellung betrifft, zeigen sich zwei Seiten derselben Medaille. Einerseits bedroht und zerstört die Automatisierung viele Positionen mit geringer Qualifizierung – häufig also die Arbeitsplätze von Frauen. Andererseits ermöglicht die neue digitale Arbeitsweise flexibleres Arbeiten in Zeit und Raum, zum Beispiel in Form von Homeoffice und mobilem Arbeiten. Die Verbreitung digitaler Kommunikations- und Informationstechnologien fördert demnach selbstbestimmtes Arbeiten und birgt die Möglichkeit, die Work-Life Balance der Beschäftigten zu verbessern und so insgesamt für mehr Geschlechtergerechtigkeit zu sorgen.
Für die Einkommensungleichheit sowie die mangelnde Repräsentanz von Frauen in Führungspositionen ist der sogenannte «Gender Time Gap» verantwortlich. Damit ist der Unterschied der durchschnittlichen Arbeitszeit zwischen den Geschlechtern gemeint. Ein Weg, um längere Arbeitszeiten für Frauen möglich zu machen, wäre, an mehr Arbeitsplätzen selbstbestimmtes und mobiles Arbeiten zu ermöglichen. Aus gleichstellungspoltischer Sicht können flexible Arbeitsformen einen Beitrag zum Schliessen der Schere zwischen den Arbeitszeiten von Frauen und Männern leisten. Ausserdem kann die Vereinbarkeit von beruflichen und ausserberuflichen Tätigkeiten verbessert werden.
Fazit
Nach wie vor ist in der Schweiz ein Umdenken erforderlich, wenn es um Frauen in der Arbeitswelt, insbesondere Frauen in Führungspositionen geht. Es gilt, die entsprechenden gesetzlichen Rahmenbedingungen zu verbessern – beispielsweise die Besteuerung des Zweiteinkommens, die viele Frauen benachteiligt. Auch in der Kinderbetreuung kann noch vieles optimiert werden. In der Zwischenzeit sollten Frauen, die auf Jobsuche in der Schweiz sind, die Potenziale nutzen, die die gegenwärtige Situation für sie bietet.