Junge wählen Mathe in ihrer Matura, Mädchen Kunst, Männer studieren Chemie, Frauen Sprachen. Sind das nur Klischees, oder ist das wirklich so? Was die sogenannten MINT-Fächer betrifft, liegt der Anteil weiblicher Studierender in der Schweiz deutlich unter dem ihrer Kommilitonen. Entsprechend wirkt sich dies auch auf die Arbeitswelt aus. Vielleicht hast Du auf der Suche nach Fachkräften im MINT-Bereich bereits bemerkt, dass nur wenige Bewerbungen von Frauen eingehen? Oder Du möchtest Dich als Frau eigentlich in MINT-Fächer einschreiben, weisst aber nicht, ob Du Dich durchsetzen kannst?
Weshalb es in bestimmten Industriezweigen eine merkliche Differenz zwischen einzelnen Geschlechtern gibt, hat viele Gründe. Unter anderem sind Experten überzeugt, dass veraltete Rollenbilder viele Frauen an der Ausübung eines MINT-Berufes hindern. So stösst Du weltweit auf Programme mit dem Ziel, Mädchen und Frauen für eine Ausbildung in MINT-Fächern zu begeistern. Ob diese Massnahmen in der Schweiz Erfolg haben, erfährst Du bei uns. Nach einer kurzen Definition von MINT-Fächern zeigen wir Dir den Ist-Zustand auf und wagen einen Blick in die Zukunft. Ob sich die derzeitige Diskrepanz jemals annähern wird…?
Was sind MINT-Berufe?
Was hinter MINT steckt, ist einfach zu erklären. Die Abkürzung besteht aus den jeweiligen Anfangsbuchstaben der Fachbereiche Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik. Er gilt sowohl für die entsprechenden Schulfächer wie auch Studiengänge und späteren Berufsfelder. Und sie alle zählen zu den Branchen, in denen derzeit eklatanter Fachkräftemangel herrscht. Doch nicht nur aus diesem Grund sollen Frauen zur Aufnahme von MINT-Fächern bewegt werden. Viele Kritiker sehen in der anhaltend niedrigen Quote von Frauen in MINT-Berufen auch traditionelle Rollenbilder, die es zu durchbrechen gilt. Zum besseren Verständnis werfen wir zunächst einen Blick auf den aktuellen Stand von Frauen im MINT-Bereich.
Frauen im MINT-Bereich
Nicht nur in der Schweiz liegt der Anteil von Frauen in MINT-Berufen erkennbar unter dem der Männer. Allerdings belegt die Alpenrepublik unter allen 38 OECD-Staaten derzeit den letzten Platz. Und dies, obgleich Du seit über zehn Jahren vielfältige Förderprogramme für Frauen in MINT-Fächern findest. Doch ihr Effekt ist gering – nur wenige Kantone verzeichnen steigende Zahlen.
Rund 80.000 Studierende sind derzeit in der Gesamtschweiz für ein MINT-Studium eingeschrieben. Ein gutes Fünftel entfällt dabei auf Frauen. Zum Vergleich: In Österreich liegt der Anteil bei 28, in Frankreich sogar 40 Prozent. Ingenieurwissenschaften immerhin zieht knapp 25 Prozent weibliche Maturantinnen an Schweizer Universitäten und Fachhochschulen. Die Ausbildungsfelder „Software- und Applikationsentwicklung und -analyse“ und „Elektronik und Automation“ hingegen wecken bei nur acht bzw. sechs Prozent Interesse. Dabei ist die Nachfrage von Schweizer Unternehmen nach qualifizierten Fachkräften in Informatik und Technik ungebrochen hoch. Auch hinsichtlich der Lohnstruktur macht sich der geringe Frauenanteil bemerkbar. Im Durchschnitt werden MINT-Berufe höher vergütet als Tätigkeiten im nicht-technischen Bereich. Entsprechend soll die Diskrepanz der Verdienste von Männern und Frauen zu einem Drittel auf der Ausbildungswahl beruhen.
Obgleich technische Studiengänge im gesamten Land weniger Frauen anziehen, unterscheiden sich die einzelnen Kantone teils stark. In Tessin oder Zug beginnen mit rund einem Viertel doppelt so viele Frauen ein MINT-Studium wie in Appenzell oder Uri. Auch in Thurgau und Neuchâtel liegt der Anteil unter 13 Prozent. Die Ursachen werden in der kantonal gestalteten Schulzeit verortet. Für viele ist diese Zeit damit der kritische Anfangspunkt, um den späteren Anteil von Frauen in MINT-Berufen zu steigern. Denn oft erlangen Mädchen in der Primarschule bessere Noten in Mathematik als Knaben – doch später kehrt sich dieses Verhältnis um. Dies liegt nicht zuletzt daran, dass die Schweiz an klassischen Rollenbildern besonders stark festhält. So werden Forderung nach schulischen Lehrplänen mit Berücksichtigung geschlechtsspezifischer Aspekte lauter. Doch wie lässt sich dies umsetzen? Und welche Förderprogramme gibt es bereits?
Zukunftsaussichten für Frauen in Mint Berufen
Bereits seit Jahren gibt es zahlreiche Unternehmungen, Frauen für Ausbildungen im MINT-Bereich zu begeistern. Folgend findest Du eine Auswahl der zahlreichen Initiativen staatlicher, wirtschaftlicher und privater Organisationen.
- Die Schweizerische Akademie der Technischen Wissenschaften SATW bietet 13- bis 16-jährigen Mädchen über ein gesamtes Schuljahr intensives Mentoring. Damit möchten die Initiatoren gewährleisten, dass Teenagerinnen mit Spass an MINT-Fächern diese auch weiterverfolgen.
- Beim Projekt KIDSinfo der Schweizerischen Vereinigung der Ingenieurinnen SVIN können sich Schülerinnen dem Thema Technik spielerisch und interaktiv nähern.
- Ein Forschungsprojekt der Ostschweizer Fachhochschule beruht auf der Zusammenarbeit mit weiblichen Beschäftigten in bekannten MINT-Unternehmen. Ihre geschlechtsspezifischen Bedürfnisse als Fachfrauen werden mit den Herausforderungen eines zunehmend digitalisierten und globalisierten Arbeitsmarktes kombiniert. Am Ende stehen die Entwicklung und Implementierung spezifischer Methoden, um Frauen langfristig für den MINT-Bereich gewinnen.
- „Halbe-Halbe in MINT-Berufen: den Frauenanteil steigern“ hat sich eine Erhöhung des aktuellen Frauenanteils in MINT-Berufen bis 2030 zum Ziel gesetzt. Ein Vorstoss, den der Wirtschaftsverband economiesuisse unterstützt, jedoch für illusorisch hält.
- Im „Aktionsplan Gleichstellungsstrategie 2030“ des Schweizer Bundesrates findest Du ebenfalls einen Massnahmenkatalog zur Förderung von Frauen in MINT-Berufen. Unter anderem werden Lehrkräfte in MINT-Fächern für geschlechtssensitiven Unterricht sensibilisiert.
Zudem stösst Du auf regelmässige Einzelkampagnen für Mädchen und Frauen im MINT-Bereich. Zu ihnen zählen „Faszination Technik“ der Branchenverbände Swissmem und Swissmechanic oder Veranstaltungen von „Coding Club for Girls“ oder „IT Feuer“. Schliesslich findest Du auf der Plattform educamint einen transparenten Überblick zu naturwissenschaftlich-technischen Experimenten für zu Hause.
Ob sich all dies am Ende auszahlen wird? Immerhin haben Initiativen des vergangenen Jahrzehnts eher ernüchternde Ergebnisse hervorgebracht. Dennoch: Der Wille ist da – in Politik, Wirtschaft und Industrie. Weibliche Fachkräfte aus MINT-Fächern teilen ihre Erfahrung mit Berufseinsteigerinnen. Viele junge Frauen möchten nachhaltige Zukunftsprojekten mitgestalten – ein Bereich, in dem MINT-Berufe führend sind. Zu spannenden Arbeitsfeldern kommen ansprechende Entlohnungsmodelle sowie die Überzeugung eines wirtschaftlichen Mehrwerts durch geschlechtergemischte Teams. Parallel beschäftigt sich der Bundesrat mit einer Analyse der Wirksamkeit bislang erfolgter Massnahmen zur Steigerung des Frauenanteils in MINT-Berufen. Gut möglich also, dass Du doch bald mehr weibliche Fachkräfte unter allen Bewerbungen ausmachst. Oder ohne Sorge Dein MINT-Studium aufnehmen kannst.